Neue „Future Inside“-Konzepte: Unabhängig und flexibel auf Veränderungen reagieren

Die strategische Vorgabe, bundesweit in den Stromvertrieb und -handel einsteigen zu wollen, war für die Stadtwerke Leipzig im Jahr 2005 der Startschuss für die Realisierung einer neuen, zentralen Kommunikationsplattform. Im Verlauf des Projektes sollte sich dann zeigen, dass die Optimierung der IT-Systeme für den Stromvertrieb ohne gleichzeitige Optimierung der Geschäftsprozesse sowie eine Abstimmung der IT-Systemlandschaft auf diese Prozesse nicht zu haben war.

Dabei war man zunächst nur auf der Suche gewesen nach einem zentralen System zur Integration der verschiedenen IT-Anwendungen sowie zur Unterstützung von Datenaustauschprozessen inklusive technischer Datenprüfung, Datenkonvertierung und Datenverteilung. Weiter sollten Prozessabläufe definiert und automatisiert durchgeführt werden.

Schließlich hat man sich dann in Leipzig für den Aufbau einer serviceorientierten Architektur (SOA) und die Einführung des IBM WebSphere Business Integrators (WBI) entschieden. Durch den Einsatz dieser Lösung konnten folgende Funktionalitäten realisiert werden:

  • automatisierte Kommunikation mit Marktpartnern
  • Integration heterogener Systemlandschaft
  • Monitoring der Geschäftsprozesse
  • Reduzierung der Schnittstellen auf die Anzahl der Systeme

Immer mehr Versorger erkennen, dass der IT und dem Prozessmanagement insbesondere mit Blick auf die „Consumption Chain“ eine besondere Bedeutung zukommt. Gerade bei der Gestaltung der kundenseitigen Prozesse stellt sich in einem hochdynamischen Wettbewerbsumfeld mit aller Dringlichkeit die Frage, wie es gelingen kann, die eigene Position im Wettbewerbsumfeld zu erhalten bzw. zu verbessern. Unter „Consumption Chain“ soll hier der gesamte Geschäftsprozess zur Vertriebsunterstützung verstanden werden. Der Vertrieb beginnt mit der Werbung, setzt sich über Kontaktmanagement, Angebots- und Auftragsmanagement, Lieferung, Services und Folgegeschäftsmanagement fort bis hin zum Geschäftsende. Thomas Bunge, Leiter Produktmanagement der SIV.AG, bestätigt: „Unsere Erfahrungen mit kVASy® 4 zeigen ganz klar: Im täglichen Kundenkontakt sowie in der Akquisition von Neukunden kommt es besonders auf flexible und individuelle Prozesse an, die Anforderungen und erzielten Effekte sind am höchsten. Daher entfaltet SOA hier den größten Nutzen.“

Anbieter haben die Zeichen der Zeit erkannt
Softwareanbieter, wie die Wilken Gruppe oder die SIV.AG, die mit ihren Lösungen den Versorgermarkt adressieren, haben die Herausforderungen der neuen Zeit frühzeitig erkannt. Beide Unternehmen arbeiten daher seit Langem an Softwarelösungen, die bei der IT-seitigen Unterstützung von Prozessen für mehr Zukunftsfestigkeit sorgen sollen. Wilken schickt dabei die Entwicklungsplattform S4 ins Rennen, die im letzten Jahr erstmals in der Praxis zum Einsatz kam. Demgegenüber will die SIV.AG mit dem Markteintritt von kVASy® 5 den schrittweisen, sanften Übergang in eine neue Prozesswelt einleiten. Die neue Software soll ein deutliches Plus an Nutzerfreundlichkeit, Flexibilität und Individualisierbarkeit bringen. Seit Herbst letzten Jahres befindet sich die neue serviceorientierte Produktgeneration der SIV.AG bei ausgewählten Kunden in der Pilotierungsphase.

„Die Branche erlebt derzeit einen Paradigmenwechsel, der auch in seiner Geschwindigkeit wohl einzigartig ist“, so Thomas Bunge, Leiter Produktmanagement der SIV.AG. „IT-seitig bedarf es dafür einer radikalen Veränderung der Perspektive – weg von der Betrachtung einzelner Module und hin zu einer durchgängigen, rollenspezifischen Prozesssicht.“ Mit der Entwicklung ihrer neuen Produktgeneration kVASy® 5 stellt die SIV.AG gegenwärtig sowohl technologisch als auch strukturell die Weichen für die nächsten zehn Jahre. „Hochperformante, prozessorientierte Systeme sind der Maßstab der Zukunft“, so Dr. Ulrich Czubayko, der als Bereichsleiter Strategische Geschäftsfeldentwicklung den konsequenten Übergang zu einer serviceorientierten Architektur (SOA) vorantreibt. „Neben den Massenprozessen entstehen extrem viele Einzelprozesse, die es transparent abzubilden gilt. Eine nachhaltige Prozessorientierung und Prozessautomatisierung setzen daher ein leistungsstarkes Prozessmonitoring voraus.“

Kontrollverlust durch reduzierte Daten
Es ist kein großes Geheimnis, dass gerade in großen Unternehmen kunden- und vertriebsbezogene Daten in einer Vielzahl unterschiedlicher Datenbanken gespeichert sind, die dann im Rahmen verschiedener Applikationen weiterverarbeitet werden. Dieser Zustand ist nicht optimal, denn schließlich ist die genaue Kenntnis unerlässlich, welche Applikation die Hoheit über welche Daten hat. Hier droht die Gefahr, dass ein Unternehmen die Kontrolle über die Daten mehr und mehr verliert. Diese Entwicklung kann sich bis in die Fachbereiche hinein auswirken, die immer auch eine Art Geschäftssicht brauchen, wenn sie das Geschäftsmodell rasch erweitern wollen. Doch wie will man das Geschäftsobjekt „Kunde“ in einem applikationsübergreifenden Geschäftsprozess modellieren, wenn man mit Blick auf eine konsistente und redundanzfreie Datenhaltung nachlässig agiert? In der Konsequenz drohen die Adaptivität und Reaktivität des Unternehmens verloren zu gehen.

Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, „flanschen“ manche Unternehmen rasch einzelne Applikationen und Datenbanken aneinander. Diese Praxis ist derart weit verbreitet, dass wohl jeder/jede ohne nachzudenken mit Blick auf die entsprechenden Begrifflichkeiten und Lösungen eine erkleckliche Anzahl von Beispielen wird nennen können („composite applications“, „enterprise service bus“, „integration broker“, „enterprise-integration-architecture“, „NetWeaver Process Integration“ etc.). Selbst in einem so großen Unternehmen wie der Deutschen Telekom sorgt das sogenannte T-IVU Framework für eine reibungslose Umsetzung der Vertriebsprozesse des Unternehmens. T-IVU basiert auf Webtechnologien wie Webserver/Applikationsserver auf Basis von Pearl, Datenbank Oracle und Webservices. Das IT-Framework bietet dabei Schnittstellen zu mehr als 20 Back-End-Systemen der Deutschen Telekom und weiterer Unternehmen.

Auch im Energiebereich werden seit vielen Jahren die Chancen und Risiken einer serviceorientierten Anwendungsintegration diskutiert, wobei insbesondere die folgenden Merkmale eines solchen Architekturparadigmas besondere Beachtung finden:

Entkopplung von Funktionalität und Technologie Im Sinne einer klaren Trennung von Geschäftslogik und Infrastrukturdetails sollten IT-Systeme unterschiedlicher Marktteilnehmer problemlos in eine bestehende IT-Infrastruktur eingebunden werden können. Gleichzeitig sollte es möglich sein, unterschiedliche Dienste ohne großen Migrationsaufwand gegeneinander auszutauschen. „Technische Komponenten wie Datenbank, Applikationsserver, Benutzerschnittstelle oder Kommunikationsprotokolle müssen ohne Modifikation der Geschäftslogik austauschbar sein“, erläutert Volker Mailach, Leiter Forschung und Entwicklung der Wilken-Unternehmensgruppe.
Wiederverwendbarkeit Für verschiedene Nutzergruppen innerhalb eines EVUs, wie Beschaffung/Erzeugung, Übertragung/Verteilung oder Vertrieb, sollten unterschiedliche fachliche Basisdienste realisiert werden können. Diese Basisdienste sollten anwendungsübergreifend im Sinne des informatorischen Unbundlings genutzt und zu neuen Anwendungen kombiniert werden können. Die Regulierungsvorschriften erfordern eine gezielte Beschränkung der Zugriffsbefugnisse einzelner Anwender sowie die Umsetzung unbundlingkonformer Berechtigungsprofile (Netz, Vertrieb, Service). Trotz dieser unterschiedlichen fachlichen Ausprägungen und Zusammenhänge sollten die Daten redundanzfrei über einheitliche Anwendungsschnittstellen einer Vielzahl von Benutzern zur Verfügung gestellt werden können.
Flexibilität Die geschäftsorientierte Gestaltung einer IT-Anwendungs-landschaft sollte sich an den Kriterien Erweiterbarkeit, Wartbarkeit und Skalierbarkeit orientieren. Dies schafft die Voraussetzung dafür, Geschäftsprozesse schnell und effizient an dynamische Rahmenbedingungen anpassen zu können, die sich aus gesetzlichen Änderungen, Umstrukturierungen, geänderten Marktsituationen, Verbesserung von Kundenorientierung und Serviceangebot oder technologischen Änderungen ergeben. Hierzu bedarf es lose gekoppelter Dienste und einer hohen Flexibilität in der Abbildung von Geschäftsprozessen.
Verstetigung Als „Gegengewicht“ zur Forderung nach maximaler Flexibilität sollte eine Art Persistenzinfrastruktur dafür sorgen, dass die Eigenschaften von Informations- oder Content-Objekten über ihre Lebensdauer hinweg permanent und damit unabhängig von der Ausführung des erzeugenden Programms sind. Ein sogenannter Persistenzmanager kann beispielsweise als Schnittstelle zu einzelnen Benutzerdatenbanken dienen und durch seine Mapping-Funktionalität dafür sorgen, dass einzelne Benutzerdaten aus verschiedenen Quellen gelesen bzw. dorthin zurückgeschrieben werden. Hierzu müssen nicht nur die Metadaten der einzelnen Objekte (Rollen, Worksets etc.) und die Beziehung der Objekte untereinander gespeichert werden, sondern auch Mappingroutinen („Message Broker“, semantische Datenmodelle) und Austauschformate etabliert werden.
Integration und Kollaboration Entsprechende Anstrengungen sollten sich nicht allein auf den unternehmensinternen Bereich erstrecken, sondern auch auf die Gestaltung unternehmensübergreifender Austauschprozesse, um z.B. Mitbewerbern im Stromhandel einen diskriminierungsfreien Zugang zu Informationen zu ermöglichen. Modulare, komponentenbasierte Architekturen sowie offene Entwicklerschnittstellen schaffen darüber hinaus die Voraussetzung für die enge Zusammenarbeit von Softwareanbietern und Kunden im Rahmen von Wertschöpfungsnetzwerken bzw. sog. Softwareökosystemen. „Unser neuer Framework-Ansatz“, so Volker Mailach, „bietet unseren Kunden neue Möglichkeiten: Aufgrund des generativen Ansatzes stehen automatisiert Schnittstellen in State-of-the-Art-Technologien (Webservices, REST o.Ä.) zur Verfügung. Die Anwendungen öffnen sich für die Integration in die unternehmensweiten Abläufe ohne aufwendige und diversifizierende Schnittstellenprogrammierung.“

Eine serviceorientierte Integrationsarchitektur schafft die Voraussetzung dafür, den strategischen Wandel des Geschäftsmodells unterstützen zu können, indem sie die Artefakte des Geschäftsmodells auf die Artefakte der IT-Anwendungslandschaft abbildet und im Rahmen eines sogenannten Business-IT-Alignments fortlaufend aufeinander ausrichtet. Die Geschäftsarchitektur betrachtet dabei die Fachlichkeit der Organisation. Elementare Artefakte dieser Architektur sind beispielsweise die Produkte, die Geschäftsprozesse aus unterschiedlichen Akteuren und Rollen, Geschäftsdomänen inklusive Geschäftsfunktionen und -services sowie Geschäftsobjekte. Geschäftsdomänen sind nach diesem Verständnis die logischen Einheiten des Unternehmens bzw., übersetzt auf die Welt der IT, die zu realisierenden Anwendungen.

Voraussetzungen für den strategischen Wandel
Bei Wilken setzt man mit der neuen Entwicklungsplattform S4 auf ein domainspezifisches Framework bzw. eine domänenspezifische Sprache (DSL), um die Trennung von Technologie und Fachlichkeit umzusetzen. Die Fachlichkeit in Bezug auf Modularisierung, Geschäftsobjekte, Prozesse, Selektionen, Suchen und User Interface wird dabei deklarativ beschrieben und um fachliche Methoden ergänzt. Der Compiler erzeugt daraus den GPL-Code (General Programming Language) für das darunterliegende technische Framework, welches auf Open-Source- und Microsoft-Technologien aufbaut

Deutliche Fortschritte bei der systemübergreifenden Integration sowie der Unterstützung einer rollenspezifischen Prozesssicht soll auch kVASy® 5 der SIV.AG bringen. „Von der Umsetzung einer komplett internetgestützten und durchgängig automatisierten Kundenbeziehung über die Einbindung leistungsstarker Smart-Meter-Lösungen bis hin zur gezielten Steuerung des Verbrauchsverhaltens der Kunden – der entstehende systemübergreifende Wertschöpfungsbogen ist groß“, fasst Thomas Bunge zusammen. Der langjährige Oracle-Platinum-Partner kann hierfür sein größtes Ass ausspielen – die homogene SOA-Technologiebasis. „Problemlos können wir auf Grundlage des Oracle Business Activity Monitoring (BAM) mit unserem Prozessmonitor unterschiedliche Applikationen systemübergreifend integrieren, monitoren und steuern.“

Die neuen „Future Inside“-Konzepte der Softwareanbieter sind ein Beleg dafür, dass zukunftsweisende Softwarearchitekturen „unabhängig“ und damit flexibel genug sein können, um auf die marktrelevanten Entwicklungen und Veränderungen reagieren zu können, ohne dabei die eigenen Applikationen neu entwickeln zu müssen. Wenn also die Versorger mit den neuen Produkten der Softwareanbieter tatsächlich die dringend erforderliche Investitionssicherheit erhalten, dürften beide Seiten von den neuen Konzepten profitieren.

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Autor: Dirk Rohlfing

Neben seiner Tätigkeit als Fachautor und Co-Gründer der Smart Energy Online Platform konzentriert sich Dirk Rohlfing als unabhängiger Trendscout und technologischer Frühaufklärer darauf, im Kundenauftrag neue Geschäftschancen im strategischen Marktumfeld von Versorgern und Ausrüstern zu identifizieren. Dabei agiert er in einem Netzwerk aus Innovationsberatern (Prof. Dr. Hans-Gerd Servatius / „Management Systems Network“), Clean-Tech Promotoren („CleanThinking“), Agenturen („22talents“) und Universitätsnahen Think Tanks („Wuppertal Institut“).

E-Mail: rohlfing@smart-energy-platform.com